Die Libelle

Das war gestern. Die Libelle hatte sich hinter dem Mückennetz verfangen. Sie hatte nicht wirklich eine Vorstellung davon. Zumindest nehme ich das an. Ich sah nur so etwas, was so aussah, wie der Versuch wieder ins Freie zu gelangen. Überall Mückennetz.
Ich strecke die Hand nach ihr aus, um sie ins Freie zu setzen. Sie weicht mir aus, ich denke darüber nach, dass Libellen angeblich stechen können. Dann fällt mir wieder ein, dass das doch nicht der Fall ist. Ich greife als doch noch mal entschlosssener nach ihr. Bekomme sie tatsächlich zu fassen, und werfe sie ins Freie, sie fliegt davon.

Vielleicht eine halbe Stunde später, ich weiß nicht mehr genau, bin ich mit meiner Tochter im Garten. Es geschieht etwas merkwürdiges, eine kleine Libelle landet auf meiner linken Schulter, und bleibt dort sitzen. Ich will sie erst mit einer Handbewegung abweisen, besinne mich aber dann. Mir fällt die Szene mit dem Mückennetz wieder ein und ich lasse sie dort sitzen und auf meiner Schulter mitgehen, während ich ein paar Schritte durch den Garten mache. Mich berührt das ganz eigenartig, mir kommt es ein bisschen vor, wie ein Vertrauen oder eine Freundlichkeit, vielleicht auch ein bisschen wie eine Anerkennung oder ein Dank.
Sie bleibt eine Weile dort.  Als ich dann wieder hin schaue, ist sie fort.

Am Abend ich sprach mich meine Tochter noch mal auf das Mückennetz an. Man kann den Platz von innen durch das Fenster sehen. Sie fragte mich ob die Fliegen innen oder außen wären, was ich zunächst gar nicht verstand, ich sah keine Fliegen. Und dann doch, wir hatten die Öffnung den Tag über aufgelassen, in der linken oberen Ecke waren viele kleine Fliegen, ebenfalls an der Innenseite. Ich nahm mir vor am nächsten Morgen, also heute, mich darum zu kümmern.

Beim Aufwachen fiel mir die Geschichte wieder ein. Und dann dachte ich an Wittgensteins Fliegenglas. Wittgenstein verwendet das Bild eines Fliegenglases, um uns auf die Fallen aufmerksam zu machen, mit denen wir in unserer Sprache und unseren Gedanken zu tun haben.

So ein Fliegenglas, wie man es damals verwendete, um Fliegen zu fangen, kann man sich wie eine breite Flasche vorstellen, deren Boden deutlich nach innen gewölbt ist und der in der Mitte ein Loch hat. Am oberen Ende kann man die Flasche ganz normal verschließen.
Man stellt jetzt die Flasche auf ein Gitter oder ähnliches, auf jeden Fall so, dass die Fliegen von unten durch das Loch in die Flasche hinein fliegen können. Damit sie das tun gießt man Zuckerwasser oder etwas ähnliches wohlriechendes in die Flasche hinein. Weil der Boden nach oben gewölbt ist, läuft die Flüssigkeit nicht durch das Loch aus der Flasche wieder heraus, sondern bildet wie so eine Art ringförmigen Zuckerwasser-See um das Einflugloch im Boden herum.
Es ist wichtig dass bei dieser Konstruktion die Flasche aus hellem durchsichtigen klaren Glas ist. Das ist deswegen wichtig, damit die Fliegen, die sich dort hinein haben locken lassen, nach oben zum Himmel hin den süßen Ort wieder verlassen wollen. Und nicht auf die Idee kommen dass der Ausgang unten zu suchen ist, in Richtung der dunkleren unteren Hälfte der Welt. Sie krabbeln und fliegen also wieder und wieder in Richtung des hellen Lichts, dorthin wo sie die Freiheit vermuten. Dass tun sie so lange, bis sie erschöpft aufgeben und vielleicht zum letzten Mal im süßen Wasser landen.

Wittgenstein hat seine Arbeit damit verglichen, uns Menschen die Möglichkeit zu geben, uns aus unseren Fliegengläsern zu befreien. Aus den beruhigenden und beunruhigenden Gewissheiten, sogenannten Wahrheiten und Selbstverständlichkeiten, in die wir uns in der Welt der Sprache und Gedanken haben führen lassen, von Weisen und Philosophen, von Heiligen und Despoten, geleitet und begleitet.

Ich weiß dabei nicht, ob wir uns auch gegenseitig befreien dürfen. Hineingreifen, uns gegenseitig fassen, auch gegen unser Sträuben, uns ins Freie werfen. Sollen wir, dürfen wir, wollen wir?

Beim Fliegenglas selber ist das etwas einfacher zu beantworten, wir können die Fliegen sehr leicht entlassen, wir brauchen nur die Öffnung oben an der Flasche öffnen. Alle Fliegen, die heraus wollen, finden dann ganz einfach ihren Weg. Wir könnten wir also von Zeit zu Zeit mit der Flasche zum Fenster gehen und dort die Fliegen ins Freie entlassen, die sich süßen Duft haben verführen und einfangen lassen.
Wäre das möglicherweise auch unter Menschen zu machen, und würden wir uns das erlauben, würden wir das wollen. Oder können wir uns das nicht gegenseitig abnehmen.
Vielleicht könnten wir ja ab und zu mal fragen, ob wir genug haben, ob wir ins Freie möchten, hinter das Glas?
Und wenn ja, haben wir schon überall geschaut, noch oben nach außen, auch nach unten nach innen, wo es so dunkel scheint. Kein leichter Weg vielleicht, er führt noch mal direkt am süßen See vorbei.

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